Senioren

Lebensschicksale in Gottes Hand

Teresa N. im Kaukasus:

Schwere Kindheit …

„1949 wurde ich in Nordkasachstan in einer deutschen Familie geboren. Meine Mutter war eine einfache Hausfrau und meinen Vater lernte ich erst mit acht Jahren kennen, da er 1949 wegen zwei gestohlener Weizensäcke zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Nach dem Krieg herrschte eine schwere Hungersnot. Meine Mutter verkaufte alles, was wir hatten, um meinen Vater vorzeitig aus der Haft freizukaufen. So saß er statt der 15 Jahre nur acht Jahre seiner Haft ab. Wir waren elf Kinder, aber nur ich und mein zwölf Jahre älterer Bruder hatten den Krieg überlebt.

Mein Vater kehrte völlig verbittert aus dem Gefängnis zurück. Vor unseren Kinderaugen fing er an, unsere Mutter zu schlagen. Dann begann er mit anderen Frauen fremdzugehen und schließlich verließ er unsere Mutter. Nun begann auch unsere Mutter mich und meinen Bruder zunehmend zu vernachlässigen, sodass wir auf uns selbst gestellt waren. Ich half im Haushalt meiner Großmutter und durfte dafür mit meinem Bruder bei ihr essen. Außerdem bekam ich zusätzlich drei Rubel im Monat. Das Geld sparte ich und dank dieses Geldes sind wir nicht verhungert. Ab und zu bekam ich bei meinem Onkel sogar ein Glas Milch und etwas Brot – war das eine Freude! Ich erinnere mich noch heute an diesen herrlichen Geschmack.

Wie ein Aschenputtel …

Als ich älter geworden war, begann ich eine medizinische Ausbildung in derselben Stadt, in der auch mein Vater wohnte. Mein Vater war bereits wiederverheiratet und während meiner Ausbildung lebte ich bei ihm und seiner neuen Frau – wie ein ‚Aschenputtel‘. Er nahm mir bis auf ein paar Kopeken alles Geld ab, das mir zur Verfügung stand. Im dritten Ausbildungsjahr hielt ich es nicht mehr aus und zog bei meinem Vater aus. Ich nahm jeden Job an, nur um zu überleben. Das war eine sehr schwere Zeit und ich wollte oft aufgeben, doch ich schaffte den Abschluss. Aber innerlich und körperlich konnte ich einfach nicht mehr.
Nicht nur mir ging es schlecht, sondern auch meinem Bruder. Er nahm sich sogar das Leben. Meine Mutter liebte meinen Vater bis zum Schluss und hoffte bis zuletzt, wieder mit ihm zusammenzukommen. Deshalb verkaufte sie wieder alles, nur um ihm nachzuziehen und wieder in seiner Nähe leben zu können. Und dann verstarb meine Mutter an Lungenkrebs.
Inzwischen gab es um mich herum nur noch Menschen, denen mein Schicksal völlig gleichgültig war.

Ganz in der Sackgasse …

Ein paar Jahre später lernte ich meinen Mann Viktor kennen. Wir bekamen zusammen einen Sohn, der aber sehr oft krank war. In dieser Zeit lebten wir bei meinen Schwiegereltern und meine Schwiegermutter wurde wie eine Mutter für mich. Doch für eine bessere medizinische Versorgung unseres Sohnes zogen wir nach Nordossetien um. Mein Mann begann dort nach den kaukasischen Männer-Gepflogenheiten zu leben. Er fing an mir zu zeigen, dass eine Frau nichts wert ist, dass ein Mann das Recht hat zu trinken, zu feiern und Spaß zu haben. Er begann mich zu betrügen. Ich dachte, schlimmer könnte es nicht mehr werden, doch ich irrte mich. Mein Mann begann plötzlich mir zu unterstellen, dass ich ihn betrügen würde, und er fing an mich ständig zu verdächtigen, eifersüchtig zu sein und zu streiten. Er betrank sich immer häufiger und begann auch unseren Sohn zu drangsalieren. Er weckte ihn mitten in der Nacht, kontrollierte seine Schulhefte und, wenn es schlechte Noten gab, verprügelte er ihn. Immer wenn es ganz schlimm wurde, stellte ich mich schützend dazwischen und daraufhin fing er an, mich zu schlagen. Er wurde immer gewalttätiger und jagte uns immer wieder aus dem Haus. Dann mussten wir bei fremden Leuten, bei Nachbarn oder sonst wo ein Plätzchen zum Übernachten finden. Als unser Sohn Andrej erwachsen wurde, eiferte er seinem Vater nach und wurde dazu noch kriminell. Wegen Raubes musste er eine dreijährige Haftstrafe verbüßen und kam ebenfalls – wie einst mein Vater – als gebrochener Mann aus dem Gefängnis zurück. Er rutschte immer tiefer ab, trank, nahm Drogen und hatte viele Frauen. Mein Leben war nun ganz in einer Sackgasse, wenn man das überhaupt noch Leben nennen konnte.

Durch eine Spritze …

Und dann geschah das Unglaubliche: Gott brachte mich durch eine Spritze mit Christen zusammen, die ich immer verachtet hatte, obwohl ich nie welche persönlich gekannt hatte. Damals arbeitete ich im Krankenhaus und eine Frau namens Tatjana kam zu mir, um sich eine Spritze von mir geben zu lassen. Während der Behandlung begann sie mir ganz natürlich von Gott zu erzählen, an den sie selbst aufrichtig glaubte. Bei einer weiteren Behandlung erzählte sie mir von der Nordossetischen Mission und dass sie dort Bedürftigen helfen würden. Ich hatte zu der Zeit so gut wie nichts, weder Schuhe noch Kleidung, mein Geld reichte vorne und hinten nicht. Ich war am Boden zerstört und im Herzen gebrochen. So raffte ich allen Mut zusammen und beschloss zu den Leuten zu gehen, von denen mir Tatjana erzählt hatte. Um ehrlich zu sein, hatte ich keine großen Erwartungen, denn das Leben hatte mich seither gelehrt, dass Hoffnung auf etwas Gutes immer an der Realität zerbricht und nur Schmerz und Enttäuschung zurückbleiben.

Was ich all die Jahre so dringend gebraucht hätte …

Als ich zur Mission kam, war ich von der Freundlichkeit und aufrichtigen Fürsorge völlig überrascht. Sie halfen mir mit Kleidung und Lebensmitteln. Ich durfte immer wieder kommen und im Laufe der Zeit wurden mir die Mitarbeiter zu Freunden. Sie luden mich herzlich zu ihrem Gottesdienst ein. Als ich das erste Mal den Gottesdienst besuchte und den Gesang, die Predigt und die Gebete hörte, verspürte ich das, was ich all die Jahre so dringend gebraucht hätte: Angenommensein, Herzenswärme, Liebe, Geborgenheit. Ich begann christliche Literatur, die Zeitschriften GLAUBE UND LEBEN und TROPINKA zu verschlingen. Schließlich bekehrte ich mich, versöhnte mich mit Gott und ließ mich taufen.

Keine hoffnungslosen Menschen …

Inzwischen bin ich siebzig Jahre alt. Heute sehe ich hinter all dem Leid, das mir widerfahren ist, Gottes Barmherzigkeit, die mich zu ihm hingezogen hat. Hätte ich ein anderes Leben gehabt, hätte ich vielleicht nie das kostbarste Geschenk meines Lebens erhalten – die Begegnung mit Christus, meinem Erlöser. Dank der Hilfe der Missions-Mitarbeiter habe ich überlebt. Und heute habe ich durch sie eine große Familie mit vielen Schwestern und Brüdern.
Nun versuche ich selbst, nach Kräften anderen Menschen zu helfen, und bringe anderen alten und einsamen Menschen Lebensmittelpakete. Bei meinen Besuchen erzähle ich ihnen von meinem schweren Lebensweg und dass es keine hoffnungslosen Menschen geben muss und keine Lebenssituation, die nicht durch Christus verändert werden könnte.“

In einem Altersheim in Bulgarien

Die Neugier ist stärker als die Abneigung …

„Anfangs mochte ich diese Leute nicht. Es ärgerte mich regelrecht, dass sie Sonntag für Sonntag hier zu uns herkommen und uns von Gott erzählen, als ob wir keinen Glauben hätten und nicht wissen würden, was es bedeutet, Christ zu sein. Ich beschloss dann dennoch zu ihren Gottesdiensten zu gehen, weil ich neugierig war, warum meine Zimmernachbarin jedes Mal so gespannt auf sie wartete. Seitdem gehe ich jeden Sonntag, denn es ist so gut und wichtig, was wir da zu hören bekommen. An einem Sonntag ging mir einfach das Herz über und ich musste den anderen erzählen, was ich erlebt hatte:

Auf Messers Schneide …

‚Heute möchte ich Sie alle bitten für einen jungen Mann zu beten, dessen Namen ich nicht mal kenne.
Vor einem Monat stellten die Ärzte bei mir ein schweres Herzleiden fest und als einstige langjährige Krankenschwester wusste ich, was diese Diagnose bedeutet: Dieses Herzleiden ist nur über eine äußerst risikoreiche Operation behandelbar. Die Ärzte sagten mir, es stünde auf Messers Schneide, und stellten mich vor die Wahl. Nach gründlichem Abwägen beschloss ich den Eingriff dennoch durchführen zu lassen. An dem Tag, an dem ich in die Klink musste, wurde für mich ein Taxi gerufen. Als ich einsteigen wollte, hatte ich große Probleme mit meinen steifen Beinen und der Taxifahrer zeigte deutlich seine Ungeduld, als es nicht recht klappen wollte. Daraufhin weigerte ich mich, bei diesem Mann einzusteigen.

Ein lächelnder junger Mann …

Unser Hausmeister bot mir gerade an, ein neues Taxi zu rufen, als ein anderes Taxi um die Ecke bog. Ich machte auf mich aufmerksam und das Taxi hielt an. Ein lächelnder junger Mann stieg aus, half mir geduldig ins Auto und wir machten uns auf den Weg. Er fragte mich: ‚Wo willst du hin, Babuschka?‘
Auf der Fahrt erzählte ich ihm, warum ich ins Krankenhaus musste. Er fragte überrascht zurück: ‚Wird dich denn niemand von deiner Familie begleiten und dir zur Seite stehen bei dieser Operation?‘ Ich antwortete: ‚Nein, nein, junger Mann, ich bin ganz allein auf dieser Welt. Aber ich glaube an Gott und bin mir sicher, dass er mich nicht im Stich lassen wird.‘
Dazu meinte der junge Mann etwas skeptisch: ‚Glaub mir, Gott ist weit, weit weg. Er wird nicht zur dir ins Krankenhaus kommen, dir die Hand halten, dich trösten oder ein Glas Wasser reichen.‘ Ich erwiderte: ‚Gott ist allmächtig und barmherzig! Er kann alles machen. Ich bin mir sicher, dass er Menschen schickt, die sich um mich kümmern werden.‘

Ich wandte mich an den Pastor: ‚Genau das haben Sie uns doch sonntags immer wieder über Gott gelehrt!‘ Ich fuhr fort: ‚Und genau das durfte ich erleben. Ich konnte mich von Gottes Verheißungen selbst überzeugen. Meine Operation verlief erfolgreich und das Krankenhauspersonal kümmerte sich so rührend um mich, als wäre ich wie ein enger Verwandter von ihnen.

Das kann doch kein Zufall gewesen sein …

Nach einer Woche wurde ich entlassen und als ich vor dem Krankenhaus stand, wartete ich auf ein Taxi. Kurze Zeit darauf kam eines. Ich winkte und das Taxi hielt an. Und stellen Sie sich vor, was passierte: Der Fahrer sprang heraus, lief um das Auto und fing an mich zu umarmen. Da erkannte ich den jungen Mann wieder, der mich vor einer Woche ins Krankenhaus gebrachte hatte. Der junge Mann war freudig aufgeregt und sagte: ‚Was machst du denn hier, Babuschka? Ich kann es kaum glauben, dass du am Leben bist und es dir wieder gut geht!‘ Voller Freude half er mir in den Wagen und wir fuhren los. Ich sagte ihm: ‚Wie du siehst, bin ich heil und gesund und mein Herz funktioniert beinahe wie neu!‘ Er sah mich strahlend an und sagte: ‚Du siehst sogar viel besser aus als vorher!‘ Darauf blickte ich ihm in die Augen und sagte: ‚Mein Junge, Gott hat mich nicht im Stich gelassen. Er hat sich weit mehr um mich gekümmert, als es je meine Verwandten hätten tun können. Er ist mein Halt in allem!‘ Der Taxifahrer blickte nach vorne und antwortete sichtlich überrascht: ‚Das ist einfach unglaublich!‘ Als er mich beim Seniorenheim absetzte, wollte er von mir kein Geld für die Fahrt nehmen. Beim Abschied sagte ich ihm: ‚Glaub an Gott und bete! Er wird dir ganz bestimmt antworten!‘ Wir sahen uns noch einen Augenblick an, dann fuhr er weg. Als ich ihm nachblickte, dachte ich mir: Das kann doch kein Zufall gewesen sein!

Wenn das Gehörte erlebbar wird …

Zum Schluss bat ich meine Zuhörer, für diesen jungen Mann zu beten. – Gott solle ihm deutlich zeigen, dass es ihn wirklich gibt und dass er mit jedem Menschen durchs Leben gehen will.
Dankbar blickte ich zuerst in die Runde und dann zum Pastor herüber und sagte: ‚Sie haben mir beigebracht, dass ich eine persönliche Beziehung zu Gott haben kann. Das habe ich erlebt und bin so dankbar, dass ich nun weiß, was Christsein bedeutet! Ich wünsche mir, dass dies auch der junge Mann erfahren kann.‘“

Liebe Freunde,

Gott hat uns als Verwalter der uns anvertrauten Gaben in diese Welt gestellt. Wir dürfen seine Zeugen sein und sollen für andere Menschen da sein in Wort und Tat. Das Leben schreibt mitunter furchtbare Geschichten. Eine Lebensgeschichte hat ohne die barmherzige Hand Gottes niemals ein Happy End. Aber wenn Menschen mit ihrem ganzen Leben und all ihrer Last den Weg zu Jesus Christus finden, weil wir sie als Nachfolger Christi auf die Gnade Gottes hingewiesen haben, dann finden sie damit Frieden und Hoffnung im Herzen. Und anstatt des scheinbar endlosen Leides beginnt etwas Gutes, das kein Ende haben wird.

Wir bitten Sie, uns mit Ihren Gebeten und Spenden dabei zu helfen, den alten und einsamen Menschen im Osten die Hoffnung in Jesus Christus weiterzugeben durch den Dienst unserer Missionare und unserer Literatur.

Zum Ende dieses Jahres fehlt uns noch ein ordentlicher Teil an Spenden. Mit Ihrer Spende helfen Sie uns dabei, diese Lücke zu schließen.

Wir danken Ihnen von ganzem Herzen
für Ihre Freundschaft und Verbundenheit!

Aktuelle Spendenaktion: M6-2019 Senioren