In der Ostukraine erlebt

28.02.2017

Ein Pastor aus dem von Separatisten beherrschten Gebiet erzählt:
„Ich dachte schon, die Wiederkunft Jesu sei geschehen, als ich eines Morgen um vier Uhr aufwachte, weil das neunstöckige Wohngebäude zu hüpfen schien und die ganze Wohnung in ein gelbrotes Licht getaucht war. Doch dann erkannte ich: Das sind Mehrfachraketenwerfer, die im Wohngebiet zwischen den Wohnhäusern positioniert wurden und gerade von dort auf das ukrainische Gebiet abgefeuert werden. Ein gemeiner und heimtückischer Krieg – dachte ich. Aus einem Wohngebiet die Raketen abzufeuern mit der eindeutigen Absicht, dass die militärische Antwort wiederum dieses Wohngebiet trifft, aus dem die Raketen abgefeuert wurden. Zivile Opfer sind in so einem Fall unvermeidbar. Dann werden die Politiker aufschreien, die ukrainische Armee bombardiere zivile Ziele.“

Die Menschen im Osten leiden Hunger, sie sind der Kälte ausgesetzt und es mangelt an medizinischer Grundversorgung. Dazu kommt die ständige Angst und Hoffnungslosigkeit. Als einige meist ältere Personen nicht mehr ein noch aus wussten, drangen sie bis zu den Verantwortlichen der Stadt durch, um
ihnen zu sagen, dass es doch so nicht weitergehe, die Menschen verhungerten. „Geht zu den Baptisten“, war deren prompte Antwort.  „Sie werden euch zu essen geben.“ Doch genau diese Christen, die den Menschen in ihrer Not helfen mit warmem Essen, Unterkunft, Kleidung und vor allem mit Anteilnahme und Gebet, stehen unter Generalverdacht der neuen Machthaber, westliche Spione, Verräter des Landes und des Glaubens der Väter zu sein. Und darum wurden ihre Aktivitäten per Gesetz verboten.
Als Folge erleben unsere protestantischen Geschwister dort ständige Repressalien und Verfolgung. Nicht selten wurden den Gläubigen Gegenstände, Fahrzeuge und sogar Häuser (oder Teile davon) weggenommen – für die Zwecke der Nationalisierung und zum Eigenbedarf der neuen Machthaber, wie es oft hieß. Immer wieder müssen die Christen erleben, wie schwer bewaffnete, meist mit neuen Uniformen und Militärfahrzeugen ausgestattete Soldaten sich frech und brutal verhalten.

Der oben erwähnte Pastor erzählte, dass sie in der Gemeinde alle Buchführungsunterlagen verbrannt haben, bis auf diejenigen, die die soziale Arbeit dokumentieren, um so bei den ständigen Durchsuchungen keine Angriffsfläche zu bieten. Zwischen dem ukrainischen Grenzgebiet und dem von Separatisten beherrschten Gebiet befindet sich die sogenannte „graue Zone“, die ca. drei bis fünf Kilometer breit ist. Die Versorgung der dort lebenden Bevölkerung ist sehr problematisch. Um die Zone passieren zu können, muss man sich an vielen Grenzposten, menschenverachtende und demütigende Fragen gefallen lassen. Das kann bis zu 18 Stunden dauern. Oft werden junge Menschen zu Verhören mitgenommen. Es wird Druck auf sie ausgeübt, um sie zum Militärdienst zu zwingen, wie bei der folgenden Begebenheit, die uns erzählt wurde: „Willst du Soldat werden?“, fragt ein Offizier einen vor ihm stehenden jungen Mann. „Nein, ich bin Christ und möchte keine Waffe tragen. In der Bibel steht, wir sollen nicht töten“, antwortet dieser. „Das sagen sie alle. Sag mir mal etwas aus der Bibel.“

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle ...“ „Stopp, das kenne ich auch. Das ist nichts Besonderes. Kennst du andere Bibelstellen?“ „Ja, z. B. Psalm 1: ‚Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder ...‘“ Und so sagt der junge Mann nacheinander mehrere Psalmen auf. Das überzeugt den Offizier und er lässt ihn gehen. Zuhause fragt man ihn: „Junge, woher kanntest so viele Psalmen auswendig?“ „Meine Oma hat mich als Kind gezwungen, sie auswendig zu lernen.“

Ein Zufluchtsort in der umkämpften Ostukraine

15.04.2016

 

Mariupol, eine wichtige Industrie- und Hafenstadt am Asowschen Meer, liegt in den umkämpften Gebieten der Ostukraine. Die Stadt steht unter einer Blockade. Viele Menschen, deren Häuser zerbombt worden sind und die alles verloren haben, fliehen hierher.

Pastor Viktor Dudnik leitet eine Baptistengemeinde in Mariupol und berichtet, dass diese zu einem Zufluchtsort besonderer Art geworden ist: „Allen Hilfesuchenden wird hier geholfen, Christen und Nichtchristen, prorussischen und proukrainischen Menschen. In den Gemeinderäumlichkeiten haben wir Schlafplätze für sie eingerichtet. Das gesamte Gemeindehaus ist zu einem Wohnhaus für Flüchtlinge geworden.“ Denn, so Dudnik: „Durch die Krise in unserem Land haben wir von Gott gezeigt bekommen, welche Aufgabe wir haben: den Menschen zu dienen.“

Wie funktioniert das Zusammenleben bei all den unterschiedlichen Einstellungen und Überzeugungen? Gibt es Streit? – Dudnik erklärt: „Wir haben eine Regel aufgestellt, dass nicht über die politische Situation gesprochen werden darf. Daran halten sich die Leute. Sie gehen freundlich miteinander um und leben friedlich zusammen – trotz aller Unterschiede.“

Dass ihr Gemeindehaus so viele räumliche Kapazitäten birgt, erklärt der Gemeindeleiter so: „Vor der Krise hatten wir ein neues großes Gemeindehaus gebaut und viele hatten sich gefragt: ‚Warum musste ein so großes Haus gebaut werden?‘ Jetzt sehen alle, dass es – so groß, wie es ist – richtig ist und gebraucht wird. Es war eine Vorbereitung Gottes auf unsere heutige Situation.“ Auch im Saal ihres alten Gebetshauses haben sie Wohnraum geschaffen, indem an Schnüren Stoffwände eingezogen wurden. Monatlich versorgen sie 3000 Menschen mit Essen.

Als es zwischenzeitlich ruhiger wurde, kehrten viele Flüchtlinge an ihre Wohnorte zurück. Aber dort ist die Versorgung nach wie vor katastrophal: Banken sind geschlossen, es werden keine Renten ausbezahlt … So sind viele wieder nach Mariupol zurückgekommen.

Wie wird dieses große Hilfsprojekt finanziell und materiell gestemmt? – Der Pastor ist sehr bewegt, wie viel Hilfe die Gemeinde von anderen für diesen Dienst bekommt: „Wir haben von uns aus nicht um Hilfe gebeten“, erklärt er, „eine Kiewer Mennonitengemeinde hat uns Hilfe angeboten.“ Auch russische Gemeinden haben Lebensmittel geschickt. Aus Deutschland wurden z.B. 70 Feldbetten gespendet. So wie Elia täglich durch Raben versorgt wurde, so sei die Gemeinde von Gott seit über zwei Jahren mit allem versorgt worden, was sie brauchte.

Viele Tränen der Dankbarkeit habe Dudnik schon geweint, so zum Beispiel

  • als ein Verbrecher zum Glauben an Christus fand und daraufhin Menschen auf der Straße mit Medikamenten und Verbandsmaterial half.
  • als sie durch die Hilfe von LICHT IM OSTEN eine Freizeit für 180 Flüchtlingskinder in der Stadt durchführen konnten (in dem verminten Umland ist so etwas nicht mehr möglich).
  • darüber, dass seine Gemeinde in den letzten Jahren über 350 Tonnen Lebensmittel an die christlichen Gemeinden in den besetzten Gebieten verteilen konnte.
  • darüber, dass Christen zu einer Einheit gefunden haben und nicht über Politik sprechen, dass sich alle protestantischen Gemeinden dem Projekt „Gottes Speisesaal“ angeschlossen haben und Essen an hungernde Menschen ausgeben.


Auch auf die emotionalen Bedürfnisse einzugehen, ist seiner Gemeinde wichtig: Sowohl dem Bedürfnis nach Ruhe wird Rechnung getragen als auch dem Bedürfnis, Nöte, Ängste und Sorgen mitzuteilen. Für das Gespräch stehen Gemeindeglieder zur Verfügung.

Da die öffentlichen Einrichtungen in den umkämpften Gebieten nicht funktionieren, sind viele Menschen inzwischen nicht mehr behördlich registriert. Die Gemeinde in Mariupol bietet Flüchtlingen an, die Gemeindeadresse als ihren Wohnsitz anzugeben, damit sie sich registrieren lassen und somit Rente u. a. Hilfen beantragen oder z.B. eine Geburtsurkunde für neu geborene Kinder bekommen können. 

Auch viele Studenten kommen nach Mariupol, um dort weiterstudieren zu können. Etliche von ihnen finden ebenfalls Unterschlupf in der Gemeinde.

Da von staatlicher Seite aus die Versorgung von Menschen mit Behinderungen u. a. gesundheitlichen Einschränkungen vielfach nicht gelingt, verweisen die Behörden solche Personen häufig ebenfalls an diese Gemeinde. Sie hat eine eigene Datenbank angelegt, in der alte und kranke Menschen erfasst sind, die keine staatliche Unterstützung erhalten, weil das staatliche System noch nicht wieder funktioniert. Durch ihre soziale und humanitäre Hilfe ist die Gemeinde bei den Behörden sehr angesehen. So hat Viktor Dudnik als Bischof einen Pass zum Passieren der Grenzposten erhalten, durch den er unter dem Schutz der Genfer Konventionen steht.

Als christliche Gemeinde stehen für sie nicht nur die physischen, emotionalen und sozialen Bedürfnisse der Flüchtlinge im Focus, sondern auch die geistlichen: Zu den Zuflucht-Suchenden gehören auch ehrenamtliche Prediger, die Viktor Dudnik nun zu Pastoren ausbildet, damit sie später ihren Dienst noch besser ausüben können. Den Flüchtlingskindern werden Kinderkirchprogramme angeboten. Bibelstudiengruppen stehen vielen Interessierten zur Verfügung. Gefängnisse werden besucht, um auch hier das Hoffnung spendende Evangelium weiterzugeben.

Seit dem Konflikt in der Ostukraine ist in der Bevölkerung ein Fragen nach Gott erwacht. Die christlichen Gemeinden, deren Leben vor dem Ausbruch kriegerischer Gewalt stagniert war, erfreuen sich heute übervoller Gottesdiensträume. Die Versorgung so vieler Menschen mit humanitärer Hilfe ist für die Gemeinden dieser Region natürlich eine enorme Herausforderung. Aber – so Dudnik – „sie sind einander dadurch näher gerückt und eng zusammengewachsen. Alles, was früher für Zwist und Trennung gesorgt hatte, ist nun überwunden.“ Täglich telefonieren sie miteinander und teilen einander mit, wenn ein Gemeindeglied ums Leben gekommen ist. Und nie zuvor wurde hier so viel gebetet.

Viktor Dudnik bittet uns Christen in Deutschland, mit ihnen dafür zu beten

  • dass in diesem Konflikt nicht mehr auf Waffengewalt vertraut wird, sondern auf Gott und sein richtungsweisendes Wort.
  • dass ein dauerhafter Friede geschlossen wird, dass die Menschen aufatmen und das Land wieder aufbauen können.