Erfahrungen im missionarischen Alltag

20.12.2016

 

Seit Sommer 2016 bewegt uns sehr die Frage, inwieweit unsere Partner in Russland ihre Arbeit fortsetzen können unter dem Anti-Terror-Gesetzespaket, das seit Juli in Kraft ist. Wir erwarteten eine drastische Einschränkung unserer missionarischen Möglichkeiten. Denn die Maßnahmen, die sich vordergründig vor allem gegen muslimische Extremisten richten, werden auch auf andere Religionsgemeinschaften ausgedehnt wie z.B. auf die Protestanten, die mit dem Westen in Verbindung gebracht und von daher als potentielle Gefahr für Russland eingestuft werden.

 

So sind religiöse Versammlungen beispielsweise nur noch staatlich registrierten Gemeinden erlaubt, die sich zudem nicht mehr in Wohnhäusern versammeln dürfen, sondern nur noch in offiziellen „religiösen Gebäuden“. Diese Auflagen zu erfüllen, ist eine große Herausforderung für zahlreiche kleine protestantische Gemeinden, die sich finanziell kein eigenes Gebäude leisten können und es vor Verabschiedung dieses Gesetzes nicht für notwendig hielten, sich registrieren zu lassen. Bei Zuwiderhandlungen gegen das Gesetz drohen hohe Geldstrafen.

 

Trotzdem hat einer unserer Missionare selbst nach Inkrafttreten der neuen Bestimmungen damit begonnen, Gottesdienste in einer neu von ihm gegründeten, noch nicht registrierten Gemeinde abzuhalten. Schon seit einigen Wochen können diese Gottesdienste regelmäßig stattfinden, da sich noch niemand darüber beschwert hat. Auch die Verbreitung unserer Zeitschriften konnte bis jetzt weitergehen. Dies kann allerdings nur durch staatlich registrierte Gemeinden oder Organisationen geschehen, die jedes Heft, das sie versenden oder verteilen, mit ihrem Stempel versehen müssen. So sind wir unserem Herrn von Herzen dankbar, dass unsere missionarische Arbeit in Russland im Moment noch im Wesentlichen fortgeführt werden kann, auch wenn vieles umständlicher geworden ist.

 

Dass die neuen Gesetze bis jetzt nicht konsequent angewendet werden, was unseren Partnern im Osten zugutekommt, ist das eine. Das andere haben gläubige Rechtsanwälte in Russland anderen Christen gegenüber so formuliert: „Wenn ihr euren missionarischen Dienst ausbauen und Menschen mit dem Evangelium erreichen wollt, müsst ihr lernen, mit diesen Gesetzen zu leben. Ihr müsst lernen, eure Gemeinden kompetent und fachkundig zu verteidigen. Im Rahmen der Verfassung und des Zivilgesetzbuches ist das möglich. Wenn aber die Gemeinden sich mit diesen Fragen nicht befassen wollen, dann sollten sie in den Untergrund gehen.“

  

Vielen Dank, wenn Sie mit uns um Bewahrung für die christlichen Gemeinden und Missionare in Russland beten und dafür, dass sie nicht aus Angst ihren missionarischen Dienst einschränken und sich für ihre Umwelt unsichtbar machen. Bitte beten Sie mit uns, dass es ihnen stattdessen gelingt, sich mit der neuen Gesetzeslage vertraut zu machen und ihre rechtlichen Möglichkeiten für die Weitergabe des Evangeliums auszuloten. Denn noch viele Menschen in Russland sollen in Christus Orientierung, Hoffnung, Frieden und Kraft zu einem neuen Leben finden.

 

 

 

Erste Sanktionen wegen Zuwiderhandlungen gegen das Anti-Terror-Gesetz

05.09.2016

Die ersten Sanktionen wegen Zuwiderhandlungen gegen das Anti-Terror-Gesetz sind inzwischen bekannt geworden:

Über einen Gemeindeleiter wurde die Höchststrafe von 50.000 Rubel (ca. 667 EURO) verhängt, was einem Durchschnittsgehalt für etwa sechs Wochen entspricht. Er war bei einer Razzia durch Polizisten und Beamte der Staatsanwaltschaft festgenommen worden, als er gerade in den von seiner Gemeinde angemieteten Räumlichkeiten eines Sanatoriums Taufen durchführte. Seine Vergehen seien missionarisch ausgerichtete Tätigkeiten wie die Weitergabe von Glaubensinhalten im Internet und die Durchführung religiöser Zeremonien und Zusammenkünfte gewesen, ohne die vorgeschriebenen Dokumente vorweisen zu können.

Ein baptistischer Missionar aus den USA, der seit 2005 in Orjol lebt, wurde kurz nach Beginn eines Sonntagvormittag-Gottesdienstes in seiner Wohnung von drei Polizisten festgenommen, vor eine hastig angeordnete Gerichtsverhandlung gestellt und noch am selben Tag zu 40.000 Rubel verurteilt, ohne seinen Anwalt rufen zu dürfen. Der Grund: Er hatte ohne Registrierung in seiner Wohnung Gottesdienste durchgeführt. Vorgeworfen wurde ihm auch, durch einen Aushang am Schwarzen Brett eines nahegelegenen Häuserblocks zu den Gottesdiensten eingeladen zu haben, eine laut dem Missionar nicht zutreffende Beschuldigung. Der ihm von dem Gericht zugewiesene Anwalt riet ihm in einer vertraulichen Unterhaltung im Anschluss an die Verhandlung, keinen Einspruch gegen das Urteil zu erheben und besser die Stadt zu verlassen, weil ihm und seiner Familie sonst vielleicht etwas zustoßen könne. Der Missionar ist dennoch in Berufung gegangen, hat aber bis jetzt keinen weiteren Anhörungstermin bekommen.

Ein russischer protestantischer Pastor einer nicht staatlich registrierten Gemeinde wird ebenfalls rechtlich belangt, weil er bei dem Jahresfest eines nahegelegenen Ortes öffentlich von einem Podium sprach, auf dem das Werbebanner seiner Gemeinde angebracht war. Das sei religiöse Propaganda an einem dafür nicht vorgesehenen Ort gewesen, zudem ohne die schriftliche Autorisierung durch den Leiter einer registrierten Gemeinde.

Bitte beten Sie für alle Christen in Russland, die bereits von solchen Verurteilungen betroffen sind. Mit weiteren Verhören, Verurteilungen und für ausländische Missionare auch Landesverweisungen müssen wir rechnen. Lassen Sie uns für unsere Mitchristen in Russland beten, denen nach einigen Jahren der Religionsfreiheit nun wieder ein eisiger Wind entgegenschlägt.

Neues Anti-Terror-Gesetz in Russland

8.7.2016

Präsident Putin hat ein Anti-Terror-Gesetz unterzeichnet, das zuvor von der Duma und vom Föderationsrat verabschiedet worden war.

Dieses Gesetz schränkt unter anderem das vom russischen Grundgesetz her garantierte persönliche Recht jedes Bürgers zur freien Ausübung und Verbreitung der eigenen Glaubensüberzeugungen massiv ein. Neu eingeführt wurde der Begriff „missionarische Tätigkeit“. Darunter wird jegliche Aktivität einer religiösen Vereinigung verstanden, bei der es um die Verbreitung ihrer Glaubenslehre unter Personen geht, die dieser Vereinigung nicht angehören, mit dem Ziel, sie zu Mitgliedern zu machen. Diese Aktivitäten können mithilfe von Massenmedien oder auf jegliche andere Weise erfolgen.

Damit ist das Recht zur Verbreitung der eigenen Glaubensüberzeugung nun daran gebunden, dass die Person dazu von einer offiziell registrierten religiösen Organisation per Beschluss der Mitgliederversammlung und mit schriftlicher Bestätigung bevollmächtigt worden ist.

Zuwiderhandlungen werden mit hohen Geldstrafen geahndet. Die Strafen betragen zwischen 400 und 750 EUR für Privatpersonen und für juristische Personen zwischen 1.400 und 14.000 EUR.

Dieses Gesetz verbietet, missionarische Tätigkeiten in als Wohngebäude deklarierten Räumlichkeiten wahrzunehmen, erlaubt ist lediglich der Vollzug von Gottesdiensten, religiösen Ritualen und Zeremonien.

Da über 90% der protestantischen Kirchen unter die Kategorie Wohngebäude fallen und zum Wesen evangelischer Gottesdienste auch gehört, nicht zur Gemeinde gehörende Menschen zum Glauben einzuladen, drohen den Gemeinden hohe Geldstrafen. Zugleich verbietet das Gesetz religiösen Organisationen, eine Umwidmung der Räumlichkeiten in nicht zu Wohnzwecken dienende Räume vorzunehmen mit dem Ziel, sie dann für religiöse Betätigung zu nutzen.

Ausländer dürfen ebenfalls nur mit einer schriftlichen Bevollmächtigung einer religiösen Organisation missionarisch tätig sein, und dies aber nur im Einzugsbereich der staatlichen Behörde, welche der religiösen Organisation die offizielle Registrierung erteilt hat. Bei Zuwiderhandlung wird die ausländische Person mit einer entsprechenden Geldstrafe belegt und möglicherweise des Landes verwiesen.

Ferner sind die religiösen Organisationen dazu verpflichtet, bei der Wahrnehmung ihrer religiösen Tätigkeit stets ihren vollen offiziellen Namen anzuzeigen, sowohl in den von ihnen herausgegebenen gedruckten sowie Audio- und Filmmaterialien als auch bei sonstigen Aktivitäten.

Dieses Gesetz legt außerdem fest, dass alle Telefonate und sämtliche Arten von elektronischer Kommunikation mindestens für ein halbes Jahr zu speichern sind.

Was dieses Gesetz an konkreten Auswirkungen für die protestantischen Gemeinden haben wird, ist im Einzelnen noch nicht abzusehen, aber es ist klar, dass dies zu drastischen Beschneidungen der Möglichkeiten missionarischer Tätigkeit führen wird.

 

Ein christlicher Leiter schrieb uns zu diesem neuen Gesetz:
„Im Moment ist noch schwierig zu sagen, was die protestantischen Gemeinden Russlands erwartet. Das größte Problem besteht darin, dass 90% der protestantischen Kirchen als Wohnraum registriert sind, in welchen  nun verboten ist, missionarisch aktiv zu sein. So werden wir bald mit Strafen konfrontiert werden. Es gibt noch eine Masse anderer Schwierigkeiten, mit denen nicht nur die Protestanten, sondern auch die Vertreter andrer religiöser Konfessionen konfrontiert sein werden. Der Inhalt von Webseiten christlicher Organisationen betrifft zu 99% missionarische Tätigkeit. Es gibt im Moment viele Fragen, aber noch keine Antworten. Juristen von christlichen Verbänden sagen, dass alles sehr schwierig ist … Müssen wir bald wieder mit der illegalen Herausgabe von Literatur beginnen? … Wir werden uns an die neue Situation anpassen, werden Dinge verändern müssen, aber wir werden unserem Herrn weiterhin dienen … Herr, hilf!“

Bitte beten Sie mit uns dafür, dass die Christen in Russland Weisheit haben, wie sie mit dieser neuen, wesentlich verschärften Situation umgehen sollen, dass sie sich nicht den Mut nehmen lassen und Wege finden, die Botschaft von Jesus Christus weiterzusagen, damit noch viele Menschen zum lebendigen Glauben an Christus kommen und damit Hoffnung und Liebe, Geborgenheit und Friede in den Herzen vieler einziehen.