Artikel aus Missionsmagazin 1/2001

Missionsmagazin

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Ein jeder diene mit seiner Gabe

 

Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments ist jeder Christ begabt. Er hat mindestens eine Gabe, aber in der Regel mehrere (1 Kor 1,7). Darum fordert uns Petrus auf, dass jeder nach seiner Gabe dem Herrn dienen soll (1 Petr 4,10). Offensichtlich ist dies nicht selbstverständlich. Paulus fordert darum den jungen Timotheus auf, dass er seine Gabe, die er bekommen hat, wecken und einsetzen soll (1 Tim 4,14; 2 Tim 1,6). Im ersten Korintherbrief (Kap. 12) und im Römerbrief (Kap. 12,1-8) nimmt Paulus ausführlich zum Gabenverständnis Stellung. Er zeigt auf, dass die Gaben etwas mit der Hingabe unseres Lebens an Christus und mit einem neuen Denken zu tun haben. Bei der Hingabe geht es um die Heiligung des Lebens in allen Bereichen und beim neuen Denken um das Verständnis der Gaben, wie sie eingesetzt werden sollen.

 

Gaben entdecken und einsetzen Gaben sind ein Geschenk Gottes durch den Heiligen Geist. Das griechische Wort für „Gabe“ im Neuen Testament heißt Charisma und kommt vom Wort Charis. Charis ist die Gnade. Eine Gabe ist eine Gnade (= Geschenk) Gottes, die durch den Heiligen Geist gewirkt wird (1 Kor 12,1ff.). Wie bekommen wir dieses Gnadengeschenk?

 

Timotheus hat es durch Handauflegung bekommen. Das Neue Testament kennt aber keine bestimmte Methode, wie man eine Gabe empfängt. Ein Gemeindeglied erzählte mir, dass seine Gemeinde seine Gabe nicht haben wolle. Erstaunt fragte ich, was für eine Gabe er denn habe. Er antwortete: die Lehre. Auf meine Frage, woher er das wisse, meinte er, das sei das Ergebnis eines Gabentests. Als ich ihn weiter fragte, wie er sich das denn vorstelle, diese Gabe einzusetzen, war seine Antwort: das wisse er nicht, denn er habe noch nie gelehrt.

 

An diesem Beispiel wird deutlich, dass viele eine Gabe als etwas Fertiges verstehen, das man hat oder nicht hat. Und wenn man es hat, dann müsse es jeder erkennen. Wenn Paulus schreibt „Wer die Lehre hat, der lehre“ (Röm 12,7), dann sagt er uns doch, dass sich eine Gabe erst in der Praxis als real erweist. Jede Gabe muss darum in der Praxis erprobt und eingeübt werden. Hat jemand die Gabe der Lehre, dann wird sich in einem längeren Prozess herauskristallisieren, ob er diese Gabe für Erwachsene, Jugendliche oder Kinder einsetzen soll. Damit herausgefunden werden kann, wo der Betreffende eingesetzt werden kann, muss es in der Praxis ausprobiert  werden.

 

Ich denke da an ein Gemeindeglied, in dessen Haus wir einen Bibelgesprächskreis hatten. Mir fiel nach einiger Zeit auf, dass dieser Mann eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe hatte, wenn es um das Erfassen biblischer Inhalte ging. Auch konnte er die erkannten Inhalte auf eindrückliche Weise vermitteln. Nach einiger Zeit fragte ich ihn, ob er bereit sei, eine Stunde im Bibelgesprächskreis zu halten. Er schaute mich verwundert an und sagte: „Ich bin nur Arbeiter, habe nur Hauptschulabschluss. Mich hat noch nie jemand gefragt, ob ich auch Gottes Wort auslegen kann, dafür sind doch andere zuständig, die gebildeter sind.“ Ich lud ihn zu einer Mitarbeiterschulung ein und setzte ihn dann in der Verkündigung ein. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass er eine Lehrgabe hatte.

 

Gaben und Persönlichkeit Die Gaben, die Gott uns gibt, existieren nicht losgelöst von unserer Persönlichkeit. Die gleiche Gabe kann darum unterschiedlich ausgeprägt sein und eingesetzt werden. Nehmen wir wieder als Beispiel die Gabe der Lehre.
• Eine sachliche Persönlichkeit wird großen Wert auf den richtigen Inhalt legen.
• Eine warmherzige Persönlichkeit sucht die Nähe zum Menschen und zeigt Verständnis für seine Situation.
• Eine unkonventionelle Persönlichkeit ist bereit, ungewöhnliche Wege zu gehen und mit neuen Formen des Lehrens zu experimentieren.
• Die korrekte Persönlichkeit legt Wert auf klare Strukturen, Regeln und das Erhalten von Bewährtem.

 

Wir müssen erkennen, dass die Gaben von den unterschiedlichen Persönlichkeiten unterschiedlich gelebt werden. Wir kommen nicht umhin festzustellen, dass Gabe und Persönlichkeit in einer Wechselwirkung stehen. Entweder kommt die Gabe durch die Persönlichkeit zur Entfaltung oder ihr Einsatz wird gehemmt und gebremst, in vielen Fällen sogar verhindert. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

 

Gaben und Leib-Glied-Denken Wenn es so viele unterschiedliche Gaben gibt und diese auch je nach Persönlichkeit unterschiedlich eingesetzt werden können, dann stellt sich die Frage: Wie sollen die vielen unterschiedlichen Gabenträger in einer Gemeinde miteinander zurechtkommen? Sind da nicht Konflikte und Gegensätze vorprogrammiert? Paulus zeigt uns einen Weg, wie wir mit den unterschiedlichen Gaben umgehen können, damit sie alle zum Bau des Reiches Gottes beitragen: das Leib-Glied-Denken. Das Leib-Glied-Denken steht im Gegensatz zum Individualismus unserer Zeit. Der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski sagt, dass der heutige Mensch ein „Ichling“ ist. Ichlinge haben aber nach seiner Prognose keine Zukunft. Die Zukunft gehört dem Wir-Menschen. Das sagt uns Gottes Wort schon lange. Die Gemeinde als Leib Christi setzt solch ein Wir-Denken voraus. Paulus wendet dieses Wir-Denken auf das Praktizieren der unterschiedlichen Gaben an (vgl. 1 Kor 12, bes. V. 12-31; Röm 12,3-5; Eph 4,14-16; Kol 2,19).

 

Warum ist das Leib-Glied-Denken für das Miteinander in der Gemeinde so wichtig? Weil auf diese Weise alle Gaben am besten zur Entfaltung kommen und die Gemeinde Jesu und das Reich Gottes am besten gebaut werden.

 

Was kennzeichnet das Leib-Glied-Denken?
• Das Leib-Glied-Denken versteht die Gemeinde als Organismus, bei dem es auf jedes Glied und seine Gabe ankommt. Damit wird die Einheit in der Vielfalt betont.
• Das Leib-Glied-Denken geht davon aus, dass jedes Glied eine andere Befähigung hat und darum eine andere Tätigkeit wahrnimmt. Jede Gabe kann sich außerdem verschieden entfalten.
• Das Leib-Glied-Denken steht gegen jede Form des Ein-Mann-Systems. Nur wenn jedes Gemeindeglied mitarbeitet, kommt die Vielfalt der Gaben zum Tragen.
• Das Leib-Glied-Denken fördert das Wachstum der Gemeinde. Auf diese Weise wird die Verantwortung eines jeden Gliedes gewollt, gefördert und gesucht.
• Das Leib-Glied-Denken bewahrt vor Individualismus und Einseitigkeit und fördert die Gemeinschaft der Gemeindeglieder untereinander.
• Das Leib-Glied-Denken weiß um die Begrenzung einer Gabe und sucht darum die Ergänzung durch den Anderen.
• Das Leib-Glied-Denken legt Wert auf Korrektur, weil nur so eine Gabe zur vollen Entfaltung kommt.

 

Ich denke da an zwei Frauen, die ich als Team zum Besuchsdienst eingesetzt habe. Die eine Frau war mutig, konnte gut Kontakte knüpfen und wusste immer etwas zu sagen. Es fiel ihr aber schwer, sich in den Menschen hineinzuversetzen und ein tröstendes Wort zu finden. Aber genau das konnte die andere Mitarbeiterin. So ergänzten sich beide und sie taten einen hervorragenden Besuchsdienst in der Gemeinde. Oder ich denke an zwei Männer im Ältestenkreis. Der eine war ein ausgezeichneter Stratege und Organisator, der andere verstand davon gar nichts, er hatte aber ein Gespür für geistliche Dinge und eine feine Sicht für Menschen. Als beide begriffen, dass sie der gegenseitigen Ergänzung bedürfen, war es für die Arbeit im Ältestenkreis eine großartige Bereicherung.

 

Den Gaben entsprechend dienen Jede Gabe ist begrenzt und jeder sollte darauf achten, dass er seinen Aufgabenbereich nicht überschreitet (Röm 12,3). Wenn einer seine Gabe für den Herrn einsetzt, dann soll er es der Gabe entsprechend mit ganzer Hingabe und Kraft tun. Es geht darum, dass jeder seine Gabe effektiv einsetzt. Meiner Gabe entsprechend dienen heißt aber nicht, dass ich nur die Arbeit verrichte, die meiner Gabe entspricht, und alles andere meide. Die größte Gabe ist die Liebe, die sieht, was der andere braucht, und ihm nach Kräften hilft.

 

Fassen wir zusammen:
• Jedes Gemeindeglied weiß, dass es eine oder mehrere Gaben von Gott empfangen hat, und sollte diese Gaben bejahen.
• Jeder Gabenträger weiß, dass seine Gabe der Ergänzung durch andere Gabenträger bedarf, und sollte sich darum immer fragen: Wer kann mich ergänzen?
• Jede Gabe bedarf der Ausbildung, der Korrektur und der Einübung in der Praxis, darum sollte man für Weiterbildung offen sein.


Es fehlt nicht an Gaben, die teilt Gott reichlich und auf vielfältige Weise aus. Jede Gabe soll aber in Liebe zum Wohl der ganzen Gemeinde eingesetzt werden und damit wird Gott die Ehre gegeben.

 

Wilhelm Faix

ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Er ist Dozent am Theologischen Seminar Adelshofen bei Heilbronn und Leiter der Familiengemeinschaft der Kommunität Adelshofen.